Eröffnungsrede von Almut Glinin zur Ausstellung CUT OUT-abstrakte Fotografie Produzentengalerie Pupille Reutlingen, 14.1.2018


Zunächst zum Titel - Cut Out – Gudrun Heller-Hoffmann überschreibt ihre Werkpräsentation mit einem Begriff, der schon im Vorfeld Auskunft gibt über Handlungen und Themen ihrer Arbeit am Bild. Gudrun Heller-Hoffmann fotografiert vorwiegend im Nahbereich. Mit dem Blick durch den Sucher beginnt der erste Schritt einer Trennung, einer Loslösung aus dem Zusammenhang. Cut out, ein Begriff, der auch auf die Kunst der Scherenschnitte verweist, im Filmgenre für - weglassen - stehen kann, ist hier im Werk von Heller-Hoffmann gleichermaßen immanent. In der Anordnung alltäglich verwendeter Gegenstände findet sie die Motive, die sie im fotografischen Prozess kontinuierlich zu vielgestaltigen Bildthemen entwickelt hat. Die Eigenschaften der direkt erlebten Umgebung mit ihren stofflichen Qualitäten im Zustand der Lichtwirkung werden in ihren Fotografien verfremdet. Dadurch entsteht eine Entsprechung, die sich in der Reduktion ihrer Formensprache ausdrückt.


Besonders bemerkenswert ist, dass sich der Bildanspruch im Werk von Gudrun Heller-Hoffmann vom reinen Abbildungsvorgang der Wirklichkeit zu einer universal mehrdeutigen Bildsprache verändert hat. Nicht die Reproduktion und die Ästhetik der Gegenstände fordert die Anschauung heraus, sondern das Beziehungsgeflecht der Formen, Linien und Farben welche zum Gegenstand der Darstellung geworden sind. Gudrun Heller-Hoffmann verbildlicht die Gestaltfragmente zu dynamisch, rhythmischen Konglomeraten. Dadurch entstehen Dimensionen, die Bildräumlichkeiten herstellen und gleichzeitig die räumliche Zuordnung einer Abbildung aufheben. Die Formteile sich überlagernder Gegenstände bleiben in transparenten Bildschichten sichtbar. Kontrastreich stehen farbige Fließfiguren neben scharfkantigen Flächen. Gefaltet, geschichtet, gedreht, aus allen Richtungen kommende Teilformen fügen sich zu Kompositionen, die auch von Beschleunigung und innehaltender Konzentration handeln.


Anordnungen sehen, Anordnungen herstellen, in diesem Transfer visueller Reflexion hat sich Heller-Hoffmann eine Vorgehensweise erarbeitet, in der sie unterschiedlichste Methoden der Bild-Produktion anwendet. Grundsätzlich ist die technisch-elektronische Nutzung der digitalen Kamera das Werkzeug, mit der sie das immaterielle Datenmaterial ihrer Fotosequenzen speichert und daraus ihre Foto-Abzüge erstellt. Zwangsläufig ergibt sich eine Sammlung, bestehend aus einer Fülle an Fotografien, aus der sie in langwierigen Auswahlverfahren unbrauchbare Motive und Arbeitsproben aussondert.


Im Jahr 2010 jedoch ist das Ausschussmaterial interessant genug um dieses für eine neue Werkgruppe zu verwenden. Mit der Vorliebe für Fragmentarisches und Formbeziehungen verarbeitete Gudrun Heller-Hoffmann in handwerklich manueller Weise zerschnittene, zerrissene Abzüge aus der eigenen Fotoproduktion zu Collagen. Diese amorphen Gestaltungen aus Teilstücken gelegt, wurden von ihr explizit angefertigt um erneut Motiv für die Kamera zu werden. Lesbar wie bruchstückhafte Erinnerungen bildeten sich Strukturen die Vergangenes mit dem Augenblick einer Momentaufnahme verknüpften.


Die Collage ist mit der Fotomontage verwandt. In Zeiten der analogen Fotografie war sie äußerst beliebt um Korrekturen vorzunehmen, Dokumentationen zu manipulieren oder schlichtweg Fälschungen auszugeben. Die heutige digitale Bildbearbeitung klebt nicht mehr, sie hat die Arbeitsgänge verkürzt und bietet faszinierende Möglichkeiten, die Fotografie in alle Richtungen ästhetischer Vorstellungen zu verändern.


Derzeit schneidet Gudrun Heller-Hoffmann sachkundig Bildpartien aus, verschiebt Proportionen und korrigiert Farbtonwerte mit der Maus im Bildbearbeitungsprogramm. Hier geht es nicht um Täuschung sondern um Ausloten der Proportionen, um die Balance und die Präzision von Linien und Flächen, um die Wirkung der Farbbeziehungen im Bild. In der Regel stehen die Aufnahmen ganz individuell für sich oder auch variabel in Beziehung zu räumlichen Gegebenheiten. Zwei der Werke mit Titel – Swing – und – Rondo – sind die Ausnahme. Aus 9 x 9 Fotografien, die zu einem Raster im Großformat angeordnet sind, tanzen allseitig farbige Streifen unterschiedlichster Herkunft vor einem schwarzen Hintergrund ein wild wirbelndes Drunter und Drüber.


Die Dynamik der Bildthemen setzt sich fort in der Präsentation der Exponate. Eine ausgeklügelte Positionierung der unterschiedlichen Formate und Bildfolgen lassen in der Anschauung eigene Bildbeziehungen herstellen. Das Zentrum aller formal ästhetischer Entscheidungen liegt im Werk von Heller-Hoffmann vorrangig in der Idee der Verwandlung. Die Wandlung entsteht aus der Bewegung, mit ihren Rhythmen, der Dynamik, ihrer Geschwindigkeit, - die Formenwelt drängt aus dem Bildraum. Ein in jeder Hinsicht aktuelles Thema ist in den Raum gestellt und hiermit für individuelle Interpretationen frei gegeben.