Aus der Eröffnungsrede vom Harald Huss zur Ausstellung "Fotografie abstrakt"

Fraunhofer IOSB Karlsruhe, 16.07.2015


Fotografie abstrakt – so der Titel der Ausstellung – abstrakte Fotografie ist demnach eine künstlerische Setzung, die mit einem Widerspruch zu operieren scheint. Sie agiert naturgemäß zwischen Fotografie als klassischem Dokument und dem Fotografischen als einer Art Wunschmaschine, welche Bilder zu generieren in der Lage ist, deren Ursprünge und Referenten weder erkennbar noch nachvollziehbar sind. Es ereignet sich eine Verrätselung der Wirklichkeit, es gibt keine Berichte von der Welt oder subjektiv geprägter Milieubeschreibungen, und dennoch entwickelt sich die abstrakte Fotografie ganz aus dem Gegenstand.


Gudrun Heller-Hoffmann befindet sich in ihrer fotografischen Arbeit in Gesellschaft mit anderen Fotografen wie Wolfgang Tillmans, Thomas Ruff oder Stefan Heyne, von dem der Ausspruch stammt „Ich kenne nichts Abstrakteres als die Realität“. In ihrer abstrakten Fotografie hinterfragt Gudrun Heller-Hoffmann klassische Sehgewohnheiten, sie betreibt indirektes Sehen – jener umherschweifende Blick widmet sich der Befragung von Perspektive und Raum, von Tiefe und fotografischer Fläche, von formalen Konstruktionen und visuellen Spielereien – Sehen – Aufnehmen – Begreifen. Ihre Fotografien – autonome Bildwelten, in denen sich aber auch immer wieder Sinngebungsreste entdecken lassen.


Fotografie abstrakt – in den gezeigten Fotoarbeiten dieser Ausstellung greift Gudrun Heller-Hoffmann Spiegelungen und Lichtphänomene, wie zum Beispiel Lichtbrechungen auf, besonders schön in der Reihe „Reflections of Life“ im 1. OG zu sehen, die auch am ehesten Gegenständliches, Figuratives assoziieren lässt.


Fotografieren bedeutet ja nichts anderes als Malen mit Licht. Wo Licht – ist aber auch Schatten, Heller-Hoffmann arbeitet in ihren Fotografien mit der Darstellung von Licht und Lichtspiel, dem Wechselspiel von Beleuchtung und Schatten, Kontrast und Plastizität werden bestimmt von der Richtung, aus der das Licht kommt. Seitenlicht, Streiflicht, Gegenlicht, Rückenlicht – Sonnenaufgang, Sonnenverlauf, Wetter, Jahres- und Tageszeit – weiches, hartes Licht und die Leuchtdichte modellieren die Oberflächenstrukturen. Besonders gut wahrzunehmen im EG in den Arbeiten „Mittagslicht“ – aufgeschlagenes Buch, Blätter lichtdurchschienen, Durchblicke schaffend und „Schattenform“, aber auch im 2. OG in den Arbeiten „Schwarze Hand“ – scheint auf einer Klaviatur der Komposition zu spielen, „Schattenwellen“ – grauschwarze Schatten legen sich einer Dünung gleichend über das Bild und „Gitterwerke“ – Raster versperrt den Blick, Licht dämpft, gibt frei, innen und außen verschränkt sich.


Formen und Komposition werden durch die Wahl des Ausschnitts wesentlich bestimmt. In ihren abstrakten Fotoarbeiten löst Heller-Hoffmann die abgebildeten Gegenstände auf, sie verwandelt sie in abstrakte Kompositionen, autonome Bildwelten entstehen, bestimmt von Formen, Linien, Kontrasten und Polaritäten. Die Dramaturgie der Fotografien entfalten ihre Energie durch klare Linien, spitze Formen, Diagonalen, Überlagerungen, Spiegelungen, Gitterstrukturen, Schattenwürfen, auf der einen Seite leuchtende, grelle Farben, auf der anderen weiche, fließende Farbverläufe, Schwarz und Weiß – immer, wie schon gesagt, bestimmt durch die Wahl des Ausschnitts – der letztlich zum wichtigsten Schritt in der Komposition wird. Zeigen und nicht zeigen, der Ausschnitt definiert Linien und Bildaufteilung, er reflektiert die Lücke. Gerade in ihren neuesten Arbeiten, die die Künstlerin hier zum ersten Mal zeigt, entwickelt sie das Prinzip des Ausschnitts in einer mehrstufigen Vorgehensweise weiter: ganz dem Prinzip Collage folgend entstehen aus Ausschnitten neue Ausschnitte, digitale und manuelle Aktionen gehen Hand in Hand, ereignen sich parallel, folgen aufeinander und ergänzen sich. Zu sehen in den Arbeiten „Richtungswechsel“, „in Bewegung“ und „gefaltet“. Hier ereignet sich teilweise eine radikale Reduzierung des Ausschnitts, man könnte von einem Ausschnitt des Ausschnitts des Ausschnitts sprechen, harte Schwarz – Weiß – Kontraste, aufsteigende und abstürzende Diagonalen, harte Linien, Kanten und Ecken, grafische Qualitäten dominieren – die Frage lautet, wie viel Ausschnitt erträgt der Ausschnitt. Ausgangspunkt dieser Reihe ist städtische Architektur, urbane Feldforschung.